1. Berliner Bogenschützen e.V.
Zielen ohne Visier
Nullpunkt, intuitives Zielen, Split Vision, Point of Aim und Gap Shooting erklärt.
06Zielen ohne VisierNullpunkt ausschießen · intuitiv · Split Vision · Point of Aim · Gap Shooting
Für: Blankbogen, Langbogen und traditionelle Recurvebögen. Entscheidend sind ein wiederholbarer Anker, gleicher Auszug, gleiches Sehnenbild und gleichmäßiger Ablass. Zunächst auf ebener, freigegebener Schießbahn und bei wenig Wind üben; die gewählte Technik anschließend unter den eigenen Parcoursbedingungen erproben.
Trefferpunkt ist die Stelle, die du treffen möchtest. Haltepunkt ist die Stelle, auf der die Pfeilspitze im Zielbild liegt. Beide sind nicht immer gleich. Point of Aim (POA) heißt Haltepunkt; Point-on Distance (POD) ist die Nullpunktentfernung. „Gap“ bezeichnet den sichtbaren Abstand zwischen Pfeilspitze und gewünschtem Trefferpunkt.
Die Begriffe überschneiden sich in der Literatur. Hier unterscheiden wir praktisch: Point of Aim = einen Haltepunkt anvisieren; Gap Shooting = einen Abstand zum Trefferpunkt einstellen. Split Vision nutzt die Pfeilposition im äußeren Blickfeld, während rein intuitives Schießen ohne bewusstes Einordnen der Pfeilspitze auskommt. Das sind Lernwege, keine Wertung von „besser“ oder „echter“.
Nullpunkt ausschießen · Wo trifft „Spitze drauf“?
Der Nullpunkt ist hier die übliche Point-on-Entfernung im normalen Schießbereich: Du hältst die Pfeilspitze auf einen Punkt, und die Mitte mehrerer sauberer Gruppen liegt auf diesem Punkt. Er gehört zu deinem Bogen, Pfeilsatz, Anker und Abgriff. Er ist keine feste Eigenschaft des Bogens und nicht die Höchstschussweite.
- Eine Grundhaltung festlegen: Mit demselben Pfeilsatz, Anker, Auszug und Fingergriff schießen. Mediterraner Griff (ein Finger über, zwei unter der Nocke) und Drei-Unter-Griff ergeben unterschiedliche Werte. Beim Stringwalking einen bestimmten Abgriff dokumentieren und während der Messreihe beibehalten.
- Sicher beginnen: Auf einer großen Scheibe zunächst etwa 5–10 m testen. Einen deutlich sichtbaren Punkt mit ausreichend Fangfläche darüber und darunter wählen; bei erwarteten Hochschüssen eher im unteren Bereich. Die Pfeilspitze im Vollauszug auf diesen Punkt legen. Mehrere saubere Pfeile schießen; nur Gruppenmitten auswerten.
- Den Bereich finden: Liegt die Gruppe im üblichen Schießbereich oberhalb, die Entfernung zunächst in kleinen Schritten, beispielsweise 5 m, vergrößern. Haltepunkt, Anker und Abgriff bleiben gleich. Nicht durch tieferes Zielen ausgleichen: Du suchst gerade die Entfernung ohne Halteabstand. Jede neue Schießlinie mit den anderen abstimmen; bei Treffern nahe dem Scheibenrand abbrechen und den Aufbau anpassen.
- Eingrenzen: Sobald die Gruppen von oberhalb nach unterhalb wechseln, liegt der Nullpunkt dazwischen. In etwa 1-m-Schritten annähern und mit mehreren Passen bestätigen. Liegen schon die ersten sehr nahen Schüsse tief, daraus nicht blind „noch näher“ ableiten: Augen-/Pfeilhöhe und die Nahbereichsgeometrie können das Bild verändern. Ausgangslage mit dem Trainer prüfen.
- Festhalten: Entfernung messen und mit Bogen, Pfeil, Anker und Abgriff notieren. An einem zweiten Trainingstag nachprüfen. Seitliche Abweichungen zuerst über Sehnenbild, Technik und Tuning klären; sie sind kein Entfernungsmaß.
Was verschiebt den Nullpunkt? Ein höherer Anker bzw. eine näher am Auge liegende Nocke verkürzt ihn meist; ein tieferer Anker verlängert ihn eher. Ein anderer Abgriff sowie Änderungen an Pfeillänge, Pfeilgewicht oder Zuggewicht verändern das Zielbild ebenfalls. Nach Änderungen neu ausschießen. Die Abgriffe beim Stringwalking werden anschließend getrennt ermittelt.
Vorteile
Klare Referenz für Haltepunkte und Gaps. Zeigt, ab wann die Spitze zum Erreichen des Ziels höher gehalten werden muss. Auch als Kontrolle nach einem Materialwechsel nützlich.
Nachteile & Grenzen
Benötigt ausreichend Platz und konstante Gruppen. Ein Einzelpfeil bestimmt keinen Nullpunkt. Der Wert gilt nicht automatisch für andere Abgriffe oder steile Schüsse; für rein intuitives Schießen ist er keine Voraussetzung.
Fachgrundlagen: Ascham Oaks Archery / Pat Ditto · Point-on ausschießen ↗ · Archery GB · Einfluss von Anker und Pfeilen ↗ · World Archery · Trainerhandbuch Level 1, Kap. 8.3 ↗
Rein intuitiv · Den Trefferpunkt ansehen
Prinzip: Die Augen bleiben auf einem kleinen gewünschten Trefferpunkt. Die Bogenhöhe entsteht aus eingeübter Koordination; du ordnest die Pfeilspitze nicht bewusst einem Haltepunkt oder Gap zu. Oft heißt das „instinktiv“ – die Fähigkeit wird jedoch durch Training erlernt.
- Auf kurze, sicher beherrschte Entfernung einen kleinen Punkt auswählen. Den Blick dort lassen, ruhig ausziehen, den gewohnten Anker erreichen und den Schuss vollständig ausführen.
- Mehrere saubere Schüsse mit gleichem Ablauf wiederholen. Treffer wahrnehmen und das Zusammenspiel von Blick, Haltung und Bewegung lernen; nicht nach jedem Pfeil hektisch eine neue Technik versuchen.
- Erst bei verlässlichen Gruppen die Entfernung etwas verändern. Zunächst wenige Distanzen, später wechselnde Ziele innerhalb der sicher beherrschten Reichweite üben. Ein gleichmäßiger Rhythmus hilft; „intuitiv“ bedeutet nicht, vor dem Ankern vorschnell zu lösen.
Vorteile
Aufmerksamkeit bleibt am Trefferpunkt; keine Gap-Tabelle während des Schusses. Für wechselnde Zielbilder im traditionellen Schießen gut trainierbar.
Nachteile
Benötigt viel regelmäßige Erfahrung. Fehler sind schwerer in „falsche Entfernung“, „falsches Zielbild“ und Technikfehler zu trennen. Neue Ausrüstung, größere Entfernungen und ungewohnte Situationen erfordern erneutes Lernen.
Typische Hilfe: Streuen die Treffer stark, zunächst näher herangehen und Anker, Auszug und Ablass stabilisieren. Ständig bewusst auf die Pfeilspitze zu wechseln wäre bereits ein anderer Zielansatz.
Fachgrundlagen: Archery GB · Zielmethoden ohne Visier ↗ · Southampton University Archery Club · intuitives Zielen ↗
Split Vision · Ziel im Fokus, Pfeil als Nebenreferenz
Prinzip: Du schaust auf den gewünschten Trefferpunkt und nimmst die Pfeilspitze gleichzeitig im peripheren, also äußeren Blickfeld wahr. Ihre Lage zum Ziel hilft beim Ausrichten. Beide Entfernungen müssen dabei nicht gleichzeitig scharf erscheinen. Die Technik verbindet Zielkonzentration mit einer sichtbaren Referenz.
- Zunächst an einer bekannten Entfernung einen funktionierenden Haltepunkt oder Gap ermitteln. Dieses Zielbild ist deine Lernhilfe.
- Am gewohnten Anker den Blick auf den Trefferpunkt richten. Die Pfeilspitze nur nebenbei wahrnehmen und in die zuvor erprobte Lage bringen. Nicht zwischen Spitze und Ziel hin- und herspringen.
- Mehrere Passen schießen und das Bild festigen. Anschließend weitere Entfernungen einzeln lernen; erst danach mischen. Je nach Erfahrung wird die Abstandskontrolle grober und stärker gefühlsgeleitet.
Vorteile
Der Trefferpunkt bleibt im Mittelpunkt, trotzdem gibt es eine überprüfbare Pfeilreferenz. Ein praktischer Übergang von bewusstem Gap-Zielen zu einem flüssigeren Zielablauf.
Nachteile
Die Grenze zum Gap Shooting ist fließend. Bei schlechtem Licht oder großen Halteabständen kann die Spitze schwer wahrnehmbar sein. Ein wechselnder Kopfstand verändert das Bild; ohne gelernte Referenzen wird daraus leicht Raten.
Typische Hilfe: Wandert der Blick dauernd zur Spitze, zunächst bei einer bekannten Entfernung bleiben und den Blick auf dem Trefferpunkt üben. Den Anker nicht verändern, nur um ein angenehmeres Bild zu erzwingen.
Fachgrundlage: World Archery · Trainerhandbuch Level 2, Field Archery, „split vision“ ↗
Point of Aim · Einen konkreten Haltepunkt wählen
Prinzip: Du legst die Pfeilspitze auf eine bestimmte Stelle im Zielbild, etwa eine Ringkante unter dem Gold. Das kann ein anderer Punkt als der gewünschte Treffer sein. Die Aufmerksamkeit liegt bei dieser Variante auf dem Haltepunkt; die Pfeilspitze wird dort ausgerichtet.
- Auf einer bekannten Entfernung einen gut wiederfindbaren Haltepunkt innerhalb des sicheren Scheibenbereichs auswählen. Spitze dort ausrichten, mit unverändertem Anker mehrere Pfeile schießen.
- Die Gruppenmitte beurteilen. Liegt sie zu hoch, einen tieferen Haltepunkt wählen; bei Tiefschüssen einen höheren. In kleinen Schritten korrigieren und die Gruppe erneut bestätigen.
- Den passenden Bezug für diese Entfernung notieren. Für andere Entfernungen neu ermitteln. Am Nullpunkt liegt die Spitze direkt auf dem gewünschten Trefferpunkt.
Vorteile
Einfach zu erklären und gut wiederholbar, wenn die Scheibe einen klaren Bezug bietet. Auf bekannten Entfernungen lassen sich Korrekturen nachvollziehbar prüfen.
Nachteile
Eine andere Auflagengröße oder ein 3D-Tier verändert die nutzbaren Bezugspunkte. Liegt der nötige Haltepunkt außerhalb des Zielbildes, fehlt oft eine eindeutige Marke. Entfernungsschätzfehler bleiben wirksam.
Typische Hilfe: „Unterkante Blau“ passt nicht automatisch auf jede Auflage. Entweder den tatsächlichen Halteabstand neu prüfen oder zum Gap-Verfahren wechseln. Trainingsmarken und Notizen sind Lernhilfen; ihre Nutzung im Wettkampf richtet sich nach der jeweiligen Bogenklasse und Sportordnung.
Fachgrundlagen: Archery Australia · Point of Aim / Gap Shooting, S. 149 ↗ · Ian Garner, USA-Archery-Coach · Haltepunkte und Gruppenkorrektur ↗
Gap Shooting · Den Halteabstand lernen
Prinzip: Du hältst die Pfeilspitze einen erprobten Abstand unter oder über den gewünschten Trefferpunkt. Der Anker und der Sehnengriff bleiben fest. Den Abstand kannst du in der Zielebene beschreiben, etwa als Zentimeter auf der Scheibe, oder als eingeprägtes Bild im Blickfeld. Diese beiden Bezugsarten nicht miteinander vermischen.
Wohin schauen? Bei der hier beschriebenen Gap-Variante bleibt der Blick auf dem kleinen Punkt, den du treffen möchtest. Die Pfeilspitze nimmst du gleichzeitig als Abstandshilfe im Blickfeld wahr. Sie darf dabei unscharf erscheinen; Ziel und nahe Spitze müssen nicht gleichzeitig scharf sein. Stelle den gelernten Abstand ein, ohne ständig zwischen Ziel und Spitze hin- und herzuschauen, und halte den Blick auch beim Lösen am Trefferpunkt.
Unterschied zum Point of Aim: Dort schaust du auf einen eigenen Haltepunkt unter oder über dem gewünschten Treffer und richtest die Spitze darauf aus. Die Begriffe werden nicht überall gleich verwendet. Die Abbildung zeigt ausdrücklich Gap Shooting mit Zielfokus – nicht das Scharfstellen auf die Pfeilspitze.
- Eine bekannte Entfernung wählen und mit der Spitze auf einen klaren Bezug zielen. Mehrere Passen schießen. Den Höhenabstand der Gruppenmitte zum Bezug messen oder im Zielbild festhalten.
- Als ersten Versuch denselben Betrag entgegen der Abweichung halten: Liegt die Gruppe zum Beispiel 20 cm zu hoch, die Spitze etwa 20 cm unter den gewünschten Trefferpunkt in der Zielebene legen. Das ist ein Rechenbeispiel, kein Sollwert. Neu schießen und fein korrigieren.
- Für deine Distanzen, beispielsweise in 5-m-Schritten, jeweils ein eigenes Zielbild ermitteln. Tabelle führen: Entfernung → Spitze unter / auf / über dem Trefferpunkt → bestätigter Abstand → Anker und Abgriff.
- Am Nullpunkt ist der Gap null. Im üblichen Bereich davor liegt die Spitze meist unter, dahinter über dem Trefferpunkt. Den Nahbereich extra prüfen: Der Gap verläuft nicht einfach linear mit der Entfernung. Zwischenwerte ausschießen, nicht nur aus einer einzigen Messung berechnen.
- Erst bei zuverlässigen Bildern unterschiedliche Entfernungen mischen und das Entfernungsschätzen trainieren. Bergauf- und Bergabschüsse gesondert üben; die Tabelle der ebenen Bahn ist dort keine automatische Lösung.
Vorteile
Systematisch lernbar und gut dokumentierbar. Fester Anker und Griff bleiben erhalten. Eine bestimmte Ringkante ist nicht zwingend nötig; die Werte lassen sich nach Materialänderungen vergleichen.
Nachteile
Benötigt passende Entfernungsschätzung und bekannte Gaps. Große Abstände sind schwer zu beurteilen; nahe Ziele verdecken oder begrenzen den Bezug. Scheinbare Zielgröße und Perspektive können täuschen.
Typische Hilfe: Wenn jeder Pfeil einen anderen „passenden Gap“ verlangt, erst die Technik stabilisieren. Bei gleichmäßiger Seitenabweichung nicht nur eine immer größere seitliche Lücke lernen, sondern Sehnenbild und Abstimmung prüfen. Verdeckt der Pfeilschaft bei einem großen Gap oberhalb des Ziels den Trefferpunkt, lässt sich dieser Blickfokus nicht beibehalten; dann einen sichtbaren, erprobten Point-of-Aim-Haltepunkt verwenden.
Fachgrundlagen: World Archery · Trainerhandbuch Level 1, Kap. 8.3.2.2: Blickfokus beim Gap Shooting ↗ · Ian Garner · Gap Shooting Guide ↗ · Archery Australia · Zielbilder nach Entfernung ↗ · Southampton University Archery Club · Gap Shooting ↗
Die vier Zieltechniken direkt vergleichen
| Technik | Bewusster Bezug | Gut nutzbar, wenn … | Besondere Herausforderung |
|---|---|---|---|
| Rein intuitiv | Gewünschter Trefferpunkt | du regelmäßig Zielbilder und Bewegung auf wechselnde Distanzen trainierst. | Erfahrung erhalten; Fehlerursachen trennen. |
| Split Vision | Trefferpunkt im Fokus, Pfeil nebenbei | du eine Pfeilreferenz nutzen und den Blick am Ziel lassen möchtest. | Nebenreferenz erkennen, ohne Blickwechsel. |
| Point of Aim | Konkreter Haltepunkt für die Spitze | ein klarer, erprobter Bezug im Zielbild vorhanden ist. | Haltepunkt auf andere Zielbilder übertragen. |
| Gap Shooting | Erprobter Abstand Spitze ↔ Trefferpunkt | du Entfernung und zugehörigen Gap kennst. | Abstände und Entfernung korrekt einschätzen. |
Training und Wettkampf unterscheiden: Ob Stringwalking, wechselnde Anker, Markierungen oder Aufzeichnungen erlaubt sind, hängt von Verband und Bogenklasse ab. Die Namen der Zielmethoden allein sagen darüber nichts aus. Diese Anleitung beschreibt die Praxis; die aktuellen Regeln findest du oben unter Regeln und Bogenarten.